Dan Gilbert: Warum wir beschissene Entscheidungen machen


Ich liebe TED. Die jährliche Konferenz in den USA bietet wahnsinnig interessante Vorträge, die seit letztem Jahr der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Designer, Techniker, Marketer, Weltverbesserer jeder Fachrichtung und Nationalität treffen sich hier, um sich über unsere gemeinsame Zukunft auszutauschen.

Einer der Redner 2005 war Dan Gilbert, Professor für Psychologie an der Harvard Universität und die Quintessenz seiner Forschung im Bereich der Verhaltensforschung: Der menschliche Verstand wurde nicht für die Entscheidungen gemacht, die uns heute erwarten. Der niederländische Mathematiker Daniel Bernoulli hat eine Formel entwickelt, die uns Risiken einschätzen lässt. Einfach gesagt muss der zu erwartende Vorteil dem Produkt aus Wahrscheinlichkeit und Wert eines Gewinnes entsprechen um positiv zu sein. Gilbert führt dabei eine Lotterie als Beispiel an:

Es gibt 10 Tickets, 9 davon sind bereits verkauft. Der Gewinn beträgt 20$, das Ticket kostet 1$. Ohne die Formel zu bemühen ist klar: in dieses Spiel sollte man einsteigen. 1/10 (Wahrscheinlichkeit) x 20$ (Wert) = $2, bei einem Einsatz von $1 schlägt jeder sofort zu.

Doch die Situation ändert sich bereits wenn ich weiß, dass die anderen 9 Tickets von einer Person gehalten werden. Obwohl die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen und der zu erwartende Gewinn exakt gleich sind, entscheiden viele hier gegen eine Teilnahme, denn die Wahrscheinlichkeit, dass ich gegen diese einzelne Person gewinne ist wesentlich geringer.

Gilbert spricht hier von “persönlichen Vorhersagen” (affektive forecasting), die uns das Ergebnis nicht rational betrachten lassen, sondern aus einer persönlichen Erwartungshaltung heraus. Auf diese Weise argumentiert er auch gegen Lotterien an sich, denn die Chancen hier zu gewinnen sind verschwindend gering. Trotzdem sagen sich Millionen Menschen weltweit, dass Sie Glück haben könnten.

Diese verfälschte Wahrnehmung entsteht dadurch, dass wir in diesen Entscheidungen beeinflusst werden. Im Falle der Lotterie ist es beispielsweise die Berichterstattung in den Medien über die Gewinner, während über die Verlierer praktisch nie berichtet wird. Im Grunde treffen wir Entscheidungen auf der Basis unserer Erfahrungen und Gefühle, wenn die Aufgabe zu komplex wird. Unsere Erfahrungen basieren wiederum auf ungenauen Informationen. In anderen Fällen sehen wir deswegen auch den selben Wert unterschiedlich.

Ich habe eine Karte zu einer Show im Wert von 20$ und 20$ zusätzlich in der Tasche. Als ich am Theater angekommen bin stelle ich fest, dass ich die Eintrittskarte verloren habe. Kaufe ich von den anderen 20$ ein weiteres Ticket? Forschungen haben ergeben, dass sich die meisten Menschen dagegen entscheiden. Sie haben das Gefühl, für die Show doppelt zu bezahlen.

Habe ich aber 2 x 20$ in der Tasche und möchte die Karten vor Ort kaufen, scheint die Situation anders. Stelle ich an der Kasse fest, dass mir einer der Scheine abhanden gekommen ist, ärgere ich mich zwar, aber trotzdem kaufe ich die Karte. Was hat sich also geändert? Nur meine persönliche Beziehung zu dem verlorenen Stück Papier.

Gilbert führt noch eine Reihe weiterer Dilemma an, die uns eine andere als die rationale Entscheidung treffen lassen. In der Fragerunde nach seinem Vortrag wird er sogar gebeten, den Zusammenhang zwischen seinen Erkenntnissen in der Risikobewertung und der von Terrorismus ausgehenden Bedrohung einzuschätzen. Auch hier sieht der Psychologe eine Fehleinschätzung – mehr Menschen sind aufgrund Ihrer durch 9/11 verursachten Flugangst im Strassenverkehr umgekommen als dem Anschlag selbst zum Opfer gefallen sind.

Überspitzt würde ich sogar sagen, dass der Terrorismus nicht von den Angreifern ausgeht, sondern von den Medien und der Politik, die sich solcher Ereignisse, wie auch Unfällen und Katastrophen, bedienen, um ihre Auflage zu verkaufen bzw. Ihre Position zu festigen und Entscheidungen ohne Opposition zu treffen. Und damit weitere Aktionen von Seiten der Terroristen zu begünstigen, da Ihre Effektivität durch das Verhalten und die Angst der Bevölkerung ja zweifelsfrei bestätigt wird.

Ich kann wirklich Jedem der der englischen Sprache mächtig ist diese Vortragsreihe nur wärmstens empfehlen.

  1. #1 by Paramantus at 11. April 2010

    Hehe, danke hierfür! :-D

(wird nicht veröffentlicht)
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